Ist das Arbeitsmodell Homeoffice gescheitert?

Vor allem die Kommunikation leide im Homeoffice, sagen Kritiker des Arbeitsmodells, bei dem Beschäftigte einen Teil ihrer Arbeitszeit oder tageweise bzw. vollständig von zu Hause aus arbeiten. Die fehlende persönliche Anwesenheit in den Büros führe zu weniger Teamgeist und Zusammenhalt, und in der Folge komme es zu weniger Effizienz, Motivation oder Disziplin.   Wer an das Arbeitsmodell Homeoffice glaubt, weist vor allem auf die verbesserten Rahmenbedingungen im eigenen Wohnumfeld hin, die zu höherer Produktivität, gesteigerter Motivation und besserer Work-Life-Balance führen. Beide Seiten haben ihre Argumente, doch Studien weisen in letzter Zeit darauf hin, dass vor allem bei Vollzeitbeschäftigten im Homeoffice Schwierigkeiten auftreten.

Was denn nun – Homeoffice Ja oder Nein?

Es kommt auf die Betrachtung an. Alle über einen Kamm scheren, geht auch bei diesem Thema nicht. Jean-Victor Alipour, Experte für Homeoffice beim ifo Institut, ist überzeugt, dass die Produktivität bei Beschäftigten leidet, die 100 % im Homeoffice arbeiten.   Laut Studien sind diese Probleme vor allem bei jüngeren Personen zu finden, die ihre Fähigkeiten erst noch entwickeln und dabei schnell an Grenzen stoßen, wenn es um Selbstdisziplin und Konzentration geht. Die more senior im Unternehmen zeigen hingegen sogar Steigerungen ihrer Produktivität, wie der MDR berichtet.   Seit 2022, so das ifo Institut, liegt die Quote der Home-Office-Beschäftigten stabil bei rund 25 % aller Beschäftigten, weist das Handelsblatt Anfang September 2025 hin.   Im August haben 24,4 Prozent aller Beschäftigten zumindest teilweise von zu Hause gearbeitet. Unternehmen, die ihre Beschäftigten zurück ins Büro holen, sind wohl Einzelfälle.

Quelle: Handelsblatt

Durch die Corona-Pandemie kam eine beispiellose Welle von Lösungen ins Gespräch, bei denen die Anwesenheit im Büro nicht zwangsläufig notwendig war. Doch die Studienlage zeigt: Das Büro erlebt ein Comeback. Hybride Regelungen und Optionsmodelle bleiben weiterhin stark nachgefragt. Attraktive Arbeitgeber präsentieren sich mit zahlreichen Auswahlmöglichkeiten bei den jungen Fachkräften. Doch im Kern geht die Bereitschaft der Arbeitgeber, ihren Beschäftigten 100 % Homeoffice anzubieten, zurück.

Quelle: https://www.linkedin.com/posts/jean-victor-alipour_rto-homeoffice-activity-7381264738577494016-l3B4?utm_source=share&utm_medium=member_desktop&rcm=ACoAADUJtBkBWM-2q90OnwIhK9qjCKoiitNLWWg

Was spricht für Homeoffice?

Das ifo Institut – Leibniz Institute for Economic Research aus München – sieht derzeit keinen Trend in Richtung Rückkehr zum Büroalltag. Doch die aktualisierten Werte mit prognostizierten 20 % für 2026 zeigen auch, dass sich der Anteil an allen Beschäftigten um 5 Prozentpunkte in nur wenigen Monaten verringert hat. Arbeitgeber machen Druck und ziehen immer mehr Beschäftigte vom Homeoffice ab oder schreiben weniger flexible Arbeitsmodelle in den Stellenbeschreibungen aus.

Vorteilhaft beim Homeoffice ist zweifelsohne die hohe Flexibilität der Beschäftigten, die das Wohlbefinden, die Identifizierung mit dem Arbeitgeber und am Ende die Motivation, sprich die Effizienz, steigern kann. Viele wissen auch die ruhigere Arbeitsumgebung mit weniger Unterbrechungen zu schätzen und schaffen innerhalb der Arbeitszeit deutlich mehr.

Das Homeoffice trägt auch zu mehr Selbstbestimmung bei, denn der Arbeitstag lässt sich individuell strukturieren und die Aufgaben meist selbständig priorisieren. Ist der Beschäftigte zufriedener, arbeitet er produktiver. Doch genau bei diesen Rahmenbedingungen des produktiven Arbeitens von zuhause liegen auch die Fallstricke.

Vorteile und Nachteile des Homeoffice

Quelle: https://www.honestly.de/blog/vor-und-nachteile-home-office/#das-sind-die-vor–und-nachteile-von-home-office

 

Das spricht gegen das Homeoffice

Produktivität ist nicht gleich Produktivität. Kein Mitarbeiter kann einen anderen Beschäftigten 1:1 ersetzen, denn jede Persönlichkeit bringt ihre Eigenarten, Arbeitsweisen und Ansichten mit. Das zeigt sich auch im Homeoffice, bei dem, wie erwähnt, die junge Generation nicht ganz so gut wegkommt wie die älteren Semester. Wer am Küchentisch arbeitet oder auf dem Sofa, ist in der Regel nicht voll konzentriert, lässt sich leichter ablenken und vermischt schnell Arbeit und Privatleben.

Ältere Beschäftigte stellen sich vornehmlich bis ins Detail auf die Home-Office-Tätigkeit ein. Häufig haben sie ein Arbeitszimmer oder zumindest einen Schreibtisch, um sich dort dem Arbeitsalltag zu widmen. Gibt es einen Partner, versorgt dieser in den üblichen Arbeitsphasen die Haustiere, macht den Haushalt oder kümmert sich um die Kinder. In WGs hingegen vermischen sich häufig zahlreiche Aspekte aus dem einzelnen Privatleben und den individuellen Bedürfnissen der Mitbewohner.

Die mentale Einstellung zur Arbeit ist ein grundlegender Erfolgsfaktor für das Arbeitsmodell Homeoffice. Wer klare Routinen integriert, kommt besser ins Homeoffice. Wird der Arbeitsweg in der Bahn benötigt, um sich mental auf die Arbeit vorzubereiten und am Ende des Tages von dem Stress im Büro zu erholen, findet man Homeoffice nicht toll.

Ist Homeoffice nur bezahlte Abwesenheit?

Das Bild, das man beim Begriff Homeoffice vor dem inneren Auge hat, zeigt einen zufriedenen Mitarbeiter, der seinem eigenen Biorhythmus folgt, keine langen Arbeitswege auf sich nehmen muss und mit Leichtigkeit Beruf und Familie vereint. Vor allem bei der Disziplin hapert es aber laut kritischer Studienergebnisse. In Deutschland gibt es kein verankertes Recht auf Homeoffice, beide Seiten müssen sich also einig sein.

Im Arbeitsvertrag muss die Möglichkeit zum Homeoffice festgehalten sein, sonst kann sich der Beschäftigte nicht darauf berufen. Aber auch dann gibt es Hürden, allen voran die technische Ausstattung und die Sorge der Arbeitgeber vor den sogenannten Ghost Hours. Viele Tricks haben sich manche einfallen lassen, um zu prüfen, ob wirklich im eigenen Umfeld gearbeitet wird. Die Überprüfung und Auswertung von WLAN-Daten gehört dazu.

Bei der bisher umfassendsten empirischen Untersuchung, der TimO Arbeitszeiterfassungs-Studie 2024, wurde Arbeitszeitbetrug als verbreitetes Problem mit wirtschaftlichen Risiken identifiziert, wie die nachfolgende Grafik zeigt.

Arbeitszeitbetrug in Unternehmen analysiert.

Quelle: TimO Arbeitszeiterfassungs-Studie 2024

Die Kommunikation und Zusammenarbeit zeigt sich mit Homeoffice erschwert, was sich in mangelnder Abstimmung mit Kollegen und weniger sozialen Kontakten im Team widerspiegelt. Die Gefahr, dass die flexible Lösung Homeoffice ausgenutzt wird, ist vorhanden. Doch nicht bei jedem Beschäftigten ist das hohe Maß an Selbstdisziplin ein Problem. Ob man sich leicht ablenken lässt, ist eine persönliche Sache. Die zeigt sich jedoch im Homeoffice genau wie im Büro.

Eher weniger Homeoffice als mehr

Wenn es keine klaren Grenzen gibt, verschwimmen Privates und Berufliches leichter. Einige Beschäftigte kommen mit dem Homeoffice besser klar, als andere. Doch für die Zukunft ist die Meinung der Arbeitgeber entscheidender, denn sie müssen die Rahmenbedingungen für eine hohe Zahl von Home-Office-Arbeitsplätzen definieren. Und von deren Seite sind die Zeichen derzeit klar auf weniger flexible Lösungen für das Arbeiten in den eigenen vier Wänden.

Stattdessen suchen Unternehmen nach hybriden Ansätzen oder folgen wieder einem strikt hierarchischen Modell, bei dem der Chef sagt, wo es langgeht. Am Ende wird der War for Talents entscheiden, wie weit Arbeitgeber mit ihren Forderungen für ein Ende von Homeoffice gehen können. Ganz abschaffen werden sie das Modell wohl nicht, aber ein selektiver Auswahlprozess geeigneter Beschäftigter wird wohl in Zukunft zur Regel.